Bis 2014 Jugendarbeitslosigkeit auf Null reduzieren
Nachwuchssicherung steht ganz oben auf der Agenda / 3. Netzwerktagung des Regionalen Übergangsmanagements mit klaren Aussagen
Bei der dritten Netzwerktagung des RÜM ging es explizit um die Gewinnung des Nachwuchses für die Betriebe im Kreisgebiet. „Betrieb braucht Nachwuchs – Nachwuchs braucht Perspektive – Was unternehmen wir?“ stand dann auch als die Frage über allen Beiträgen. Denn einerseits gab Landrat Burkhard Albers das Ziel aus, bis 2014 die Jugendarbeitslosigkeit im Kreis auf Null zu senken. Andererseits sehen sich die Betriebe einer sinkenden Zahl an potentiellen Azubis gegenüber. „Gerade wegen des Demografischen Wandels müssen unsere Betriebe verstärkt über Fachkräftesicherung nachdenken“, so Albers in seiner Begrüßung vor den etwa 150 Zuhörerinnen und Zuhörern aus Wirtschaft und Politik. Und dabei wird RÜM als die entscheidende Stelle von allen Beteiligten hervorgehoben.
„Wir sind mit RÜM auf einem guten Weg und sind dadurch weit besser als andere Städte und Kreise aufgestellt“, betonte Wolfgang Sonnek von der IHK Wiesbaden unmissverständlich und erntete dafür einhelliges Kopfnicken. Seine Feststellung war nicht als Gastgeschenk an den Veranstalter gedacht, sondern entspricht den Erkenntnissen und Erfahrungen, die alle Beteiligten machen. Die Koordinierungsstelle Übergang Schule – Beruf „Regionales Übergangsmanagement (RÜM)“ hat in ihrer knapp dreijährigen Arbeit im Kreisgebiet den Fokus auf die Problemlage gerichtet und wichtige Fingerzeige gegeben. Wie gelingt es zukünftig, dass allen Jugendlichen eine Berufsperspektive eröffnet wird.
So verließen bundesweit laut Burkhard Albers 2008 zirka 65.000 Jugendliche ohne Abschluss die Schule. Auf der anderen Seite melden Betriebe immer mehr unbesetzte Lehrstellen; in Hessen sind es derzeit rund 500 freie Lehrstellen. „Die Schere wird in den kommenden Jahren in diesem Bereich noch weiter auseinandergehen“, so die Prognosen. Deshalb müsse mehr in die Fachkräftesicherung investiert werden, sind die Betriebe des Mittelstands aufgefordert, neue Wege zu gehen. „Es müssten alle Jugendlichen – auch jene mit Handicaps – fit für den Arbeitsmarkt gemacht werden“, so Susanne Schneider, RÜM-Projektleiterin. Vor allem unter dem wichtigen Gesichtspunkt des Demographischen Wandels, der laut Gabriele Herbert vom Kompetenzzentrum des Rationalisierungs- und Innovationszentrums der Deutschen Wirtschaft „einer der größten betrieblichen Herausforderungen ist“.
Es gehe aber laut Silvia Krauß von StartImpuls auch um eine gesellschaftliche Herausforderung. Denn Fakt ist, dass es nicht den Prototyp des Jugendlichen oder jungen Erwachsenen ohne Schulabschluss gibt. Sie wies in ihrem Referat mit dem Titel „Jugend bewirbt sich“ auf ganz unterschiedliche Biografien von Bewerbern hin. Da gelte es, auf die Bewerbung vorzubereiten, herauszufinden, warum sie etwa eine Ausbildung abgebrochen haben und nun einen Neustart versuchen. Zukünftig gilt es auch, jenen Jugendlichen eine Chance einzuräumen, die früher als ungeeignet aussortiert wurden. Um sie zu qualifizieren, müssen sie in die passenden Qualifizierungsmaßnahmen eingeordnet werden, so Silvia Krauß.

Letztlich waren sich die Redner einig, dass mit Hilfe von RÜM an mehren Punkten gleichzeitig angesetzt werden muss. Schule solle die Jugendlichen zielorientierter an die Berufswelt heranführen. Das bedeutet für die ehemalige Schulleiterin der Reformschule Rheingau, Ingrid Scherwinsky-Kuhn, Hauptschüler nicht mehr abzustempeln, sie zu demotivieren, sondern Selbstvertrauen einzuflößen. Sie erinnerte daran, dass in Nordrhein-Westfalen das Unterrichtsfach „Vorbereitung auf das Leben“ eingeführt wurde. „Wir müssen den Jugendlichen klar machen, dass sie einen Beruf aussuchen sollen, der ihnen Spaß macht.“ Und Sebastian Drees vom Keller-Team der Jugendpflege in Eltville mahnt an: „Schüler müssen mit den Lehrer besser kommunizieren, um sich besser auf die Berufswelt vorzubereiten.“ Seiner Meinung kommt die Berufsvorbereitung zu kurz; viele Jugendlichen wüsste wenig über die Bandbreite der Ausbildungsplätze.
Aber auch das Handwerk habe in Sachen Image ein großes Nachholproblem. Ob Dr. Martin Pott, Geschäftsführer der Handwerkskammer Wiesbaden, oder Rainer Volland, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft – beide gestanden ein, dass „nur wenige in 30 Sekunden zehn der 350 Ausbildungsberufe aufzählen können“. Es gelte die Handwerksberufe weit besser als bisher zu vermarkten. Eine Imagekampagne sei deshalb in Auftrag gegeben und soll mit dem Hauptslogan „Bei uns im Handwerk kommt es nicht darauf an, woher Du kommst, sondern wohin Du willst!“ für das Handwerk und die vielfältigen Berufe werben. Dadurch sollen Jugendliche wieder mehr Interesse für das Handwerk entwickeln.

In diesen Bereichen kann die Koordinierungsstelle Übergang Schule – Berufe „RÜM“ Unterstützung anbieten. Wenn es darum geht, Jugendlichen mit Lerndefizit und/oder Migrationshintergrund Berufsperspektiven zu eröffnen, ist die Stelle erster Ansprechpartner. Denn RÜM koordiniert und schaut, welche Angebote es gibt, um dem jeweiligen Jugendlichen passgenau zu helfen, die Defizite oder Hemmnisse zu beseitigen. Diese Unterstützung können Maßnahmen bei der Berufsorientierung sein oder auch die Behebung von schulischen Defiziten. Manchmal sind es auch die kulturellen Unterschiede, die schließlich zu Missverständnissen und Konflikten führen.
Benjamin Bulgay von „Lernplanet“ Wiesbaden ist in diesem Bereich tätig und berichtete von seiner Vermittlungstätigkeit zwischen den Kulturen. In vielen Fällen könne Aufklärung über unterschiedliche Regeln in den Kulturen schon helfen, so Bulgay während der Netzwerktagung von RÜM, die von der Schülerin Carla Spangenberg und Prof. Dr. Leo Gros moderiert wurde. Zudem traten Rapper „Mic Beckz“ und das „People’s Theater“ aus Dietzenbach auf, die szenisch eine Bewerbung mit einmal positivem und einmal negativem Verlauf darstellten.






